Wie wohnten die Berliner in der Gründerzeit?

Nun lebe ich schon knapp 20 Jahre in Berlin und entdecke erst jetzt diese Stadt so richtig. Angeregt durch den Besuch des Pankower Museums in der Prenzlauer Allee stoße ich auf zwei Zeugnisse des häuslichen Lebens im Prenzlauer Berg um 1900, die gegensätzlicher kaum sein können. In der Dunckerstraße 77 unweit des Helmholtzplatzes liegt im ersten Stock die Museumswohnung mit der Dauerausstellung „Zimmermeister Brunzel baut ein Haus“, die Lebensverhältnisse der weniger begüterten Einwohner Berlins zeigt. Damit kontrastierend überrascht die Museumswohnung in der Heynstraße, ebenfalls im ersten Stockwerk gelegen, mit dem Prunk der begüterten Schichten.

Der wirtschaftliche Aufschwung und die Industrialisierung Berlins beförderte den Zuzug Hunderttausender aus den ländlichen Gebieten in Brandenburg, Pommern, Schlesien, Sachsen sowie aus der Region Posen (es gab also bereits damals Migration). Innerhalb der Stadtmauern Berlins reichte der Raum seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr aus, den Wohnungsbedarf zu decken und man wich in die umliegenden Gemeinden aus. Um den ständig steigenden Bedarf zu decken entwickelte sich eine standardisierte Bauweise. Gehe ich durch den Prenzlauer Berg sehe ich einen hohen Anteil von sich ähnelnden Fassaden. Um den vorhandenen Baugrund effektiv zu nutzen entstand die berühmte/berüchtigte Hinterhofbebauung. So ein Wohnkomplex bestand und besteht unverändert aus dem Vorder- und Seitenhaus sowie mindestens einem Hinterhaus. Im Vorderhaus wohnte die Mittelschicht. Je weiter nach hinten desto geringer wurden die finanziellen Mittel der Mieter.

Zimmermann Brunzel baut ein Haus

Ende des 19. Jahrhunderts herrschte ein Bauboom in Berlin. Überall wurden Wohnungen für die ständig steigende Bevölkerung gebaut. Dieser Boom motivierte den Zimmermeister Brunzel, in der Dunckerstraße 77, in der Nähe des Helmholzplates, ein Grundstück zu erwerben und ein Mietshaus zu bauen. Zwei Zimmer, Küche war die Standardgröße der Wohnung, in der Eltern mit im Durchschnitt drei und mehr Kindern lebten.

Museumswohnung Heynstraße

Im Jahre 1863 errichtete der Stuhlrohrfabrikant Fritz Heyn das Wohnhaus in der Heynstraße 8. Im ersten Stock im Vorder- und Seitenhaus wohnte der Unternehmer mit seiner Frau und seinen Kindern auf über 200 qm. Über die Jahre wuchsen hier insgesamt 16 Kinder auf. Zwei Töchter lebten bis zu ihrem Tod im Jahre 1972 in dieser Wohnung, ohne dass es zu wesentlichen Veränderungen kam. Das Haus fiel nach dem Tod der Töchter an die Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV). Diese beauftragte ihre Maler-Brigade, die Wohnung zu renovieren. So wie es bei Mieterwechsel üblich ist. Nach betreten der Wohnung weigerten sie sich aus gutem Grund, den Auftrag auszuführen. Das Haus wurde anschließend unter Denkmalschutz gestellt und seit 1984 steht die Wohnung in der Beletage der Öffentlichkeit als Museum zur Verfügung.

Herrenzimmer

Gleich zu Beginn meines Rundgangs durch die Wohnung bin ich über den Prunk der einzelnen Zimmer dieser Wohnung beeindruckt. Es beginnt mit dem Herrenzimmer, in dem sich die Herren der Schöpfung zu weltbewegenden Gesprächen über Gott und die Welt zurückzogen.

Salon

Der Salon diente, wie das Herrenzimmer, reinen repräsentativen Zwecken. Gewohnt wurde im sogenannten Berliner Zimmer.

Berliner Zimmer

Das Berliner Zimmer ist eine Besonderheit des Berliner Wohnungsbaus. Es verbindet das Vorder- mit dem Nebenhaus. Trotz der Größe verfügt es nur über 1 Fenster zum Innenhof. Hier spielte sich das tägliche Leben der Bewohner ab.

Küche

Badezimmer

Diese Wohnung hatte ein sehr luxeriöses Badezimmer mit einer fest eingebauten Badewanne und einer Wassertoilette.

Gartenlaube im Hinterhof, hier spielten die Kinder der Familie Heyn. Heute nutzen die Mieter den Garten.

Dank den netten Damen in beiden Museen für deren indiviuelle Führung und die Hintergrundinformationen.

Kastanienallee

Ein strahlender Herbsttag motiviert mich zu einem Foto-Ausflug in die Kastenienalle im Prenzlauer Berg (der südliche Teil befindet sich in Berlin – Mitte).

Die Kastanienalle ist eine Szene-Straße mit besonderem Flair; angelegt 1826 und benannt nach der Erstbepflanzung mit Rostkastanien. Sie ist die Verlängerung des Weinbergswegs und endet nach knapp einem Kilometer in die Schönhauser Allee / Ecke Danziger Straße.

Neben dem Kollwitzplatz ist sie ein Symbol der Veränderungen im Kiez. War sie einst Teil eines leicht maroden Arbeiterviertels, in dem sich in den 1980er-Jahren Künstler ansiedelten und sich die DDR-Umweltbewegung in der Zionskirche engagierte, treffen wir heute sowohl ehemalige HausbesetzerInnen als auch gutbetuchte Akademikerfamilien. Von den Berlinern wird sie liebevoll auch „Castingallee“ genannt. Das Bild wird geprägt von Restaurants, Boutiquen, Cafes und kleinen Geschäften. Sie ist bei Touristen beliebt und bei Einheimischen umstritten

Ich beginne meine Foto-Safarie am Rosenthaler Platz

und biege in den Weinbergsweg ein

und durchquere den Volkspark am Weinberg. Der 4,3 ha große Park wurde 1958 nach den Plänen des Gartenarchitekten Helmut Kruse als Erholungspark angelegt.

Ab der Fehrbellinstraße beginnt dann die Kastanienallee. Von hier aus ist es nur einen Katzensprung entfernt zum Zionskirchplatz und damit zur bekannten Zionskirche. Die 1873 eingeweihte Kirche erlangte Bedeutung als Wirkungsstätte von Dietrich Bonhöfer, der hier als Pastor tätig war. Seit 1986 stellte die Kirche oppositionellen Gruppen die Kellerräume zur Verfügung, die als Bibliotheks-, Veranstaltungs- und Druckerrei genutzt wurden. Weitere Informationen zur Kirche findet Ihr hier und hier zur in den Kellerräumen der Zionskirche angesiedelten Umweltbibliothek.

Zurück gekehrt zur Kastanienalle treffe ich auf ein Urgestein dieser Straße, das Hotel Kastanienhof, das es sogar ins Fernsehen schaffte.

Die Kastanienallee und Umgebung gehörte und gehört immer noch zu den begehrtesten Wohngegenden der Stadt. In den 50er Jahren des vorherigen Jahrhunderts entstanden eine Reihe von Neubauten, wie z.B. das Haus Ecke Schwedter Straße als Beispiel für den sozialistischen Wohnungsbau.

Kastanienweg Ecke Schwedter Straße

Ich schlendere an diversen interesssanten Häusern und den dahinterstehenden Geschichten vorbei. Welches, der vielen Motive soll ich hier abbilden? Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden.

Kastanienallee 77, erbaut 1852/1853. Nach vielen Jahren des Leerstandes wurde das Gebäude Anfang der 90er Jahre umfangreich saniert. In dem Gebäude befindet sich das Lichtblick-Theater, das bis 1965 im Prater untergebracht war.

Durch die Toreinfahrt des Hauses Nr. 78 gelange ich in die Hinterhofbebauung und zum Theater „Dock 11“. Das Dock 11 präsentiert seit 1994 in einem alten Fabrikgebäude von 1895 internationale Produktionen in den Bereichen Tanz, Theater, Film, Performance, Literatur, bildende Kunst und Design.
Dieses Areal ist ein gutes Beispiel für die in Berlin übliche Hinterhofbebauung. In den Höfen siedelten sich Handwerker und Klein-Gewerbetreibende an.

Von hier aus sind es wenige Schritte bis zum sogenannten „Tuntenhaus“. Es ist ein Wohnprojekt von Homosexuellen und Teil des ehemals besetzten Hauses Nr. 86. Das Haus gilt als eine der letzten Einrichtungen, die bisher nicht von der Gentrifizierung betroffen waren.

Als nächstes kreuze ich die Odenberger Straße. Im Straßenblock zwischen Kastanienallee, Oderberger Straße und Eberswalder Straße befand sich eine weiteres Zentrum der altenativen DDR-Kultur, aber dazu in einem weiteren Bericht.

Kastanienallee Ecke Oderberger Straße

1993 eröffnete im Haus Nr. 13, inmitten der grauen Altbauten, das Café Scharzsauer. Großer Tresen, ein paar Stühle und Tische – und fertig war wohl der wichtigste Treffpunkt für die Kiez-Boheme. Immer noch kann man im Café morgens frühstücken, mittags einen Kaffee trinken und „am Abend gepflegt abstürzen“. Aus meiner Sicht leider ein Raucherlokal. Da das Wetter bis auf Weiteres nicht dazu einlädt, draußen zu sitzen werde ich wohl bis nächstes Jahr warten müssen.

Nicht nur Wien hat einen Prater. Auch in Berlin kann man (zu normalen Zeiten) im Prater, dienstältester Biergarten Berlins, ein zünftiges Bier trinken und Berliner Spezialitäten genießen. Schon im frühen 20. Jahrhundert strömten die durstigen Berliner auf das Vergnügungsgelände mit Biergarten. Bis 1965 befand sich auch ein Kino auf dem Gelände.

Es ist geschafft. Das nördliche Ende der Allee mündet in die Schönhauser Allee. Auf dem Fußgängerweg erinnert ein Mosaik des Künstlers Manfred Butzmann, eingelassen 1999, an die Brüder Skladakowsky. Hier hatten die Pioniere der Kinematographie auf dem Dachboden des Eckhauses ihr Atellier. Interessierte finden bei Wikipedia weitere Informationen über die Gebrüder.

An der Schönhauser Allee, normalerweise unterhalb der U-Bahn (hier eher Hochbahn) befindet sich der Konnopke Imbiss, das über die Stadtgrenze hinaus bekannte Curry-Wurst Original seit 1930. Mit 29 Jahren machte sich Max Konnopke in Cottbus auf den Weg nach Berlin, um ein Wurstmaxe zu werden.
Damit endet meine heutige Storry von der Kastanienallee.

Hinweis: Bei der Beschreibung der Straße und der Gebäude habe ich auf Formulierungen aus Wikipedia und der Homepage von tipBerlin zurückgegriffen. Treffender hätte ich es nicht ausdrücken können. Ich hoffe, beide Quellen sehen es mir nach.